Die Luft ist vom Dunst der Räucherstäbchen süßlich-schwer, der Klang Hunderter betender Stimmen und rhythmisch geschlagener Rasseln erfüllt die Luft. Ich konzentriere mich auf meine Frage und lasse die wie Yin- und Yang geformten Bambussteine entschlossen auf den Boden des Drachenbergtempels in Taipeh fallen. Je nach Lage der Steine zueinander ergibt sich daraus ein Ja oder Nein der Götter als Antwort.
Ein Gott für alle Fälle
Goldene, rote, grüne Drachen schlängeln sich um die Dachfirste des Longshan-Tempels, verzieren Bronzesäulen und kauern qualmend an riesigen Kesseln wie echte Fabelwesen. „In Taiwan“, erklärt uns Johannes, dessen taiwanesischer Name Mr. Xu zi yi lautet, „gibt es für jedes Anliegen den richtigen Gott, den man um Hilfe anflehen kann. Vom Heirats-Gott über den Taxifahrergott, bis hin zum Gott der Seefahrer.“ Dem Taoismus ist diese Mannigfaltigkeit zu verdanken, der in Taiwan eine fruchtbare Allianz mit dem Buddhismus einging. Um mich herum beten zahlreiche Taiwaner, sie erhoffen sich Antwort und handfeste Unterstützung von den Göttern: Sie bringen Opfergaben dar wie Äpfel, die man übrigens nach der Zeremonie wieder mit nach Hause nehmen kann, entzünden Räucherstäbchen und ziehen schließlich das Orakel zu Rate bei der Deutung der mysteriösen Ergebnisse der Götter-Befragung.
Drachen, Tiger & See-Schlachten
Der Mengjia Longshan Tempel im Wanhua District in Taipeh wurde erstmals 1783 erbaut und mehrfach nach Zerstörung wieder neu errichtet. Die Wächtergöttin Guanyin trotzte allen Erdbeben und überstand sogar die Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs. Der Legende nach beschützt die Aura des Longshan-Tempels das ganze Stadtviertel, Einheimische einschließlich Betender und half in der Vergangenheit sogar dabei, See-Schlachten zu gewinnen. Herr Xu zeigt uns, dass man ihn durch die rechte Eingangstür, die dem Drachen geweiht ist, betritt und ihn durch den linken Ausgang des Tigers wieder verlässt. Der Tempel gilt als der am besten erhaltene Sakralbau seiner Art in Taiwan mit kunstvollen Steinmetz- und Bronzearbeiten sowie Holzschnitzereien. Der Drachenbergtempel ist nur eines der kulturellen Besonderheiten, die diese kleine Insel im Pazifik ausmacht.
Aberglaube trifft auf Hightech
Hört man Taiwan, denkt man meist zuerst an das Produktionsland Taiwan. Doch die 394 km lange und 144 km breite Insel in Form einer Süßkartoffel vor der Südostküste Chinas hat mehr zu bieten als Gigabytes und Hardware. Wolkenkratzer wechseln sich mit buddhistischen Tempeln ab, Bergschluchten und Wasserfälle mit Küstenregionen, das von Ureinwohnern dünn besiedelte Zentralmassiv sowie die einsame Ostküste stehen im Kontrast zu den taiwanesischen Millionenmetropolen und Aberglaube trifft auf Hightech.
Hoch hinaus in Taipeh
Die Hauptstadt Taipeh bietet neben dem Taipeh Financial Center, dem so genannten „101“ Wolkenkratzer – mit 508 Metern das höchste Bürogebäude der Welt – nicht nur einen atemberaubenden Ausblick auf Taipeh, sondern mit dem Nationalen Palastmuseum auch einen einzigartigen Überblick über die taiwanesische und chinesische Kunst- und Kulturgeschichte. Nach der Kulturrevolution in China durch Mao Tse-tung floh Chiang Kai-shek, das damalige chinesische Staatsoberhaupt, nach Taiwan. In seinem Gefolge befanden sich nicht nur fast 2 Millionen chinesische Anhänger, sondern auch mehr als eine halbe Million wertvoller Kunstschätze aus der Verbotenen Stadt. Die weltweit größte Sammlung chinesischer Kunstwerke findet man dank ihm heute im Nationalen Palastmuseum in Taipeh. Über 700.000 Werke aus der Verbotenen Stadt brachte Chiang Kai-shek auf seiner Flucht vor den Kommunisten nach Taiwan.
Nachtmärkte der Sinne
Nachts ist die Luft erfüllt von exotischen Düften und Gerüchen. Auf den Nachtmärkten Taipehs zeigt sich die ganze Vielfalt der taiwanesischen Küche: Schnecken, Meeresfrüchte, Fisch, Würste, gedämpfter Reiskuchen und gegrillte Tintenfische. Kulinarische Exoten in allen Variationen findet man in der einen, getrocknete Früchte, Nüsse, geheimnisvolle TCM-Arzneimittel und flippige Mode an der anderen Ecke. Beim Streifzug über die Nachtmärkte Taipehs spürt man die kulturelle Identität Taiwans: Die Vorfahren der Taiwaner stammen zwar zum Großteil aus Festland-China, ansonsten verstehen sich die Taiwaner aber als eigenständiges Volk mit eigenen Riten, Glauben, Kultur und natürlich einer ganz eigenen Küche. Man findet chinesische sowie japanische Restaurants, taiwanesische und solche, die das kulinarische Erbe modern europäisch interpretieren.
Marmorstadt und Jadeberg
Nach der Altstadt von Jinshan und dem Yeliou-Geopark an der Nordküste der Insel, wo das chinesische Meer bizarre Formen und Figuren wie den Königin-Kopf in den Sandstein frisst, fahren wir mit Herrn Xu mit dem Zug nach Hualien. Das lang gestreckte Taiwan teilt sich in eine stark bewohnte, flache Westküste und eine dünn besiedelte, steile Ostküste. In der Mitte wird Taiwan durch eine gigantische Bergkette, das Zentralgebirge, geteilt. „Über 250 Dreitausender erheben sich in Taiwan. Der höchste Berg Taiwans ist der Yushan, der Jadeberg, mit 3.952 Meter Höhe“, beschreibt Johannes, der auch geprüfter Wanderführer ist und deutschsprachige Bergtouren anbietet.
Ureinwohner im Taroko-Nationalpark
Mit dem Zug kommt man von Taipeh innerhalb von 2 Stunden nach Hualien, mit dem Flugzeug in nur 30 Minuten. Hualien liegt in der Mitte des Landes und wird auch die Marmorstadt genannt. Über sich wie Drachenschwänze schlängelnde Passstraßen nähern wir uns dem 37.000 Hektar großen Taroko-Nationalpark. Sein Ursprung fällt mit der Geburt Taiwans zusammen, als vor rund 12 Millionen Jahren die philippinische tektonische Platte mit der eurasischen Landmasse kollidierte und sich die Erdkruste auffaltete. Der mittlerweile tief eingeschnittene Liwo-Fluss wusch aus dem Gestein bis zu 700 Meter hohe Marmorklippen und Kalkfelsen. Angesichts der gewaltigen Dimensionen, der Felsbrocken in der Tiefe und der bewaldeten Berggipfel über sich fühlt man sich unbedeutend klein. Wir wandern auf dem Shakadang-Trail, einem der zahlreichen Wanderwege in der Taroko-Schlucht. Taiwan bietet ein breites Spektrum an Naturlandschaften: Bergschluchten und 3000er-Gipfeln, tropische Regenwälder, heiße Quellen, die zerklüftete Ostküste, Seen und sanfte Strände im Süden.
Aberglaube und Zahlenspiele
Auf unserer Wanderung erzählt Johannes, dass die Taiwaner sehr abergläubig sind: „Im August, den man auch den Geistermonat nennt, sollte man nicht reisen, keine wichtigen Entscheidungen treffen, den Job wechseln oder Investitionen tätigen. Die Legenden besagen, dass sich am ersten Tag des siebten Monats im Mondkalender die Pforten der Hölle öffnen und die Geister einen Monat lang in der Welt der Lebenden feiern dürfen. Im traditionellen chinesischen Kalender hat jeder Monat 29,5 bzw. 30 Tage, das entspricht einem Mondphasenzyklus. Ein chinesisches Kalenderjahr mit 12 Mondmonaten ist mit circa 354 Tagen kürzer als ein Sonnenjahr. Deswegen gibt es in einigen Kalenderjahren einen dreizehnten Zusatz-Monat, in dem man ebenfalls Reisen und große Entscheidungen meiden soll.“ Auf Nachfrage, wann dieser zusätzliche Unglücksmonat das nächste Mal sei, konsultiert Johannes seine Frau per SMS und antwortet schmunzelnd: „2014 gibt es einen Zusatzmonat, er beginnt morgen!“
Buddhstische Mönche und magische Stimmungen
Am ersten Tag des Zusatzmonats fliegen wir in die zweitgrößte Stadt Taiwans im Süden der Insel. Die lebendige Hafenstadt Kaohsiung mit 1,5 Millionen Einwohnern ist Taiwans industrielles Zentrum, der größte Hafen der Insel und einer der größten der Welt. Hier kann man in Fo Guang Shan, Taiwans größtem buddhistischen Kloster, am Leben der Mönche teilhaben. Riesige, goldene Buddhastatuen, Schreine und eine disneylandartige Buddhagrotte lassen uns staunen. In die hohe Kunst der Kalligrafie weiht uns Hue Shou, der buddhistische Mönch aus Österreich, ein: „Es gibt 45.000 chinesische Schriftzeichen, jeder Strich muss in einer bestimmten Reihenfolge und Richtung erfolgen. Sonst erkennt man, dass es falsch geschrieben wurde. Ziel dieser Meditation ist es nicht möglichst schnell zu sein, sondern den Geist zu trainieren, zu meditieren und in sich zu gehen.“
May the force be with you!
Am nächsten Morgen klingelt um 4 Uhr nachts der Wecker, die Morgenzeremonie der Mönche beginnt um 5 Uhr. Hunderte buddhistische Mönche und Nonnen mit kurz geschorenen Haaren und schlichten Gewändern versammeln sich in der Haupthalle, wo drei riesige goldene Buddhastatuen über die Betenden wachen. Die buddhistischen Mönche und Nonnen bewegen sich im Gleichtakt, einer unsichtbaren Choreografie folgend. Als alle Mönche gleichzeitig zu beten und zu singen beginnen, spürt man wieder diese Energie, von der auch die Tempel Taiwans erfüllt sind. Die Aura Taiwans wirkt hier besonders stark. Kein Wunder, dass die Taiwaner so abergläubig sind.
INFOTEIL:
Tipps für Taiwan-Reisende:
Wer in Taiwan ohne Reiseführer unterwegs ist, nimmt am besten eine Visitenkarte des Hotels mit, da der Großteil der Bevölkerung nicht englisch spricht. Taxis sind eine günstige und sichere Alternative, die Stadt zu erkunden. Taiwan gilt als eines der sichersten Reiseländer Asiens, die Taiwaner sind ein sehr gastfreundliches und zurückhaltendes Volk. Gefühlsregungen wie Trauer oder Zorn zeigt man nicht in der Öffentlichkeit und es gilt als verpönt, seinen Abfall zurückzulassen.
Einreise: Kein Visum für Aufenthalte unter 3 Monaten erforderlich.
Währung: 1 Euro = 38,3 NTD (Neuer Taiwan-Dollar);
Anreise: China Airlines fliegt fünf Mal pro Woche Nonstop von Frankfurt direkt nach Taipeh.
Impfungen: Es sind keine speziellen Impfungen notwendig.
Größe: 35.980 Quadratkilometer
Geografie: Die Insel Taiwan liegt vor der Südostküste Chinas
Klima: Im Norden subtropisch, im Süden tropisch, die Jahres-Durchschnittstemperaturen liegen bei 22 bis 24 Grad.
Unterbringung:
Taipeh: Das PALAIS de CHINE Hotel liegt zentral am Hauptbahnhof Taipehs und somit ideal, um die Stadt zu erkunden.
http://www.palaisdechinehotel.com/en-us/
Taroko-Schlucht: Das Silk’s Place Taroko thront mitten in der Taroko-Schlucht mit Pool und Whirlpools auf dem Dach. http://www.silksplace-taroko.com.tw/en/aboutus.php
Nachts singen die Ureinwohner der Schlucht im Feuerschein auf der Dachterrasse inmitten der Marmorschlucht.
Kaohsiung:
Im Grand Hi-Lai Hotel im 42. Stock die ganze Vielfalt der taiwanesischen Küche genießen mit einem atemberaubenden Blick über Kaohsiung, Swimming-Pool und Hello-Kitty-Suiten.
www.grand-hilai.com.tw/english/
Essen in Hualien: Exzellente europäisch geprägte, moderne taiwanesische Fusionsküche findet man bei Chef Ming www.chefming.com.tw.
Mehr: www.taiwantourismus.de
Vielen Dank an Tawain Tourismus für die Einladung!
Xie xie!



















